The Chemist – Die Spezialistin

Stephenie Meyer, die Autorin der weltbekannten Twilight-Serie für Jugendliche, wechselt das Genre und legt ihren ersten Thriller für Erwachsene vor. Die Übersetzung dieses Titels gehört in mein persönliches Guinness-Buch der Rekorde: Zwischen erster Anfrage und Abgabe von 360 übersetzten Seiten lag kein ganzer Monat …

Aus heiterem Himmel erreichte mich am 10. August um die Mittagszeit eine E-Mail meiner Kollegin Andrea Fischer mit der Frage, ob ich Zeit und Lust hätte und mir vorstellen könnte, mit ihr zusammen für die Fischerverlage 511 Seiten Thriller aus dem Amerikanischen zu übersetzen – sofort und bis Anfang September. „Top-Autor, der Name ist noch geheim.“

Nun ist das mit solchen Anfragen und den Seitenangaben ja immer wieder so eine Sache … Traue keiner Textlängenangabe, wenn du nicht selbst den Text formatiert hast! Aber gut. Ich konnte mir gut vorstellen, einmal mit Andrea Fischer gemeinsam etwas zu übersetzen (wir kommen beide aus demselben „Stall“, dem Studiengang „Literaturübersetzen“ in Düsseldorf, und kennen uns daher schon lange), konnte es mir zeitlich einrichten und hatte natürlich Lust auf einen „Top-Autor“. Wobei ich offen gestanden nach meinen Mit-Übersetzungen von Jussi Adler-Olsens älteren Titeln davon ausgegangen war, nie wieder ein solches Bestsellerglück zu haben … Gut 250 Seiten in vier Wochen klang auch sportlich, aber machbar.

Vierundzwanzig Stunden später waren wir uns mit der Lektorin bei Fischer einig, flugs wurden Verträge und Verschwiegenheitserklärungen aufgesetzt, verschickt, unterschrieben und wieder zurückgeschickt – und bereits am 12. August morgens lag dann das Manuskript im elektronischen Postkasten. Inklusive dem Namen des „Top-Autors“: Stephenie Meyer. Oh. Nicht schlecht. Oder …? Erst mal googeln. Oh. Oha. Wow. Krass! 155 Millionen verkaufte Bücher weltweit. (Jussi: ca. 36 Millionen) Allein im deutschsprachigen Raum haben sich die Twilight-Bücher 11 Millionen Mal verkauft. Äh, Moment mal, das heißt … nach Adam Riese … Jeder Band hat sich 2,75 Millionen Mal verkauft. Mann, Mann, Mann …

Als das ansatzweise verdaut war, formatierte ich den Text erst mal um in Normseiten. Schluck. Es galt, nicht gut 250, sondern gut 350 Seiten in vier Wochen zu übersetzen. Wir stürzten uns sofort in die Arbeit.

Wir waren beide sehr froh, als wir nach dem Austausch eines ersten Probekapitels feststellten, dass wir sprachlich und vom Ton schon recht nah beieinander lagen und darum eine homogene Übersetzung absolut realistisch sein würde. Und so übersetzten wir quasi Tag und Nacht vor uns hin, vernachlässigten darüber Freunde und Familie, Garten und Haustiere, tauschten unsere jeweiligen Teile aus, überarbeiteten die Teile der anderen und lieferten nach nur zwei Wochen bereits die erste Hälfte ab. Soweit, so gut. Zwei Wochen kann man so ein Tempo schon mal aushalten. Die zweiten zwei Wochen wurden da schon etwas härter … Zumal das ganz normale Leben natürlich weiter seinen Gang geht bzw. auch die eine oder andere Überraschung bereithält, mit der umgegangen werden muss. Mein persönliches Highlight: Am Freitag, den 9. September, um 12 Uhr sollten wir den Rest abliefern. Um 11 Uhr war der Kammerjäger bei mir, weil leider eine Ratte begonnen hatte, es sich in meiner Küche wohnlich einzurichten … Folterszenen übersetzen ist eine Sache – nach einem Rattenblutbad in der eigenen Küche aufräumen eine andere.

So wurde es dann mit der Abgabe 13 Uhr statt 12 Uhr, aber trotzdem hat alles geklappt. Der allergrößte Brocken war vom Tisch, gleichzeitig bröckelten aber schon die ersten redigierten Kapitel wieder herein und wollten durchgesehen werden … Und am 16. September kamen dann noch die letzten Änderungen aus den USA … Am 19. ging das satzreife Manuskript in die Herstellung, am 21. waren die Fahnen (elektronisch) da, die Korrekturen mussten wir bis 4. Oktober an den Verlag übermitteln. Und als wir am 20. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse auf unseren soweit gelungenen Parforceritt zu dritt anstießen (auch die Fischer-Lektorin hat geschuftet!), war das gute Stück auf dem Weg in den Druck.

Andrea Fischer und ich vor einem der Ankündigungsplakate am Stand der Fischer-Verlage auf der Frankfurter Buchmesse
Andrea Fischer und ich vor einem der Ankündigungsplakate am Stand der Fischer-Verlage auf der Frankfurter Buchmesse

Das alles übrigens, damit die deutsche Übersetzung am 8. November zeitgleich mit dem englischen Original erscheinen kann. Denn – wie unlängst am neuesten Harry Potter zu beobachten war – deutsche LeserInnen greifen, wenn’s dringend ist, auch vermehrt zum englischsprachigen Original, wenn es noch keine deutsche Version gibt.

Morgen ist es soweit, und ich bin natürlich gespannt wie ein Flitzebogen, welchen Platz auf der Spiegel-Beststellerliste THE CHEMIST nächste Woche einnehmen wird. Die Startauflage liegt jedenfalls bei 260.000 Stück.

 

 

November 2016
November 2016

Stephenie Meyer
The Chemist – Die Spezialistin

FISCHER Scherz
624 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Preis € (D) 22,99 | € (A) 23,70
Aus dem Amerikanischen von Andrea Fischer und Marieke Heimburger

Das Buch wurde am 08.11.16 bei Deutschlandradio Kultur von Kolja Mensing besprochen sowie bei SWR3 von Kristina Hornbach.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.