Lisbeth Nebelong: „Møde i mol“

Umschlaggestaltung: Edward Fuglø
Umschlaggestaltung: Edward Fuglø

Eine Leseprobe aus dem letzten Teil von Lisbeth Nebelongs Färöer-Romantrilogie. Hier richtet sich Kåre in dem Haus in Bøur ein, das ich auf meiner Reise zu den Färöern im August 2015 sah. (Foto und Bericht hier)

Lisbeth Nebelong – Begegnung in Moll

Deutsch von Marieke Heimburger

10. Kapitel

Der Sternenhimmel über den alten schwarzen Holzhäusern, die sich um die Dorfkirche mit dem weißen Glockenturm ducken. Der Duft von Tang und Meer. Das Rauschen der Wassermassen, die hinabstürzen, und das zu einem ohrenbetäubenden Tosen anschwillt, je weiter er sich auf dem Kiesweg auf das große braune Haus in Bøur zubewegt.

Die Steinchen unter seinen Füßen fühlen sich abwechselnd scharf und glatt an, der steile Weg ist länger, als er ihn in Erinnerung hatte, aber dann endlich trifft der Lichtkegel der Taschenlampe auf langes Gras. Ganz automatisch tritt Kåre sich auf den letzten Metern zum Haus im Gras die Schuhe ab.

Vor der Haustür bleibt er stehen, das Gesicht dem Dorf und der Bucht zugewandt. Der Wind hat abgenommen und kommt jetzt aus Südwest, die Luft ist mild und feucht. Er atmet tief ein. Die Nähe des gewaltigen Wasserfalls und Tindhólmurs stille Gegenwart draußen in der Dunkelheit reichen aus, um ihn andächtig werden zu lassen.

Er schließt auf und stellt die Schuhe in den Windfang, öffnet dann die Tür mit der matten Scheibe und betritt den Flur. Strenger Sommerhausgeruch empfängt ihn, und im Licht der Taschenlampe erkennt er, dass die Holzwände und die breiten Stufen zum Dachgeschoss seit seinem letzten Besuch einen Gelbschimmer bekommen haben.

Obwohl das schon sechs Jahre her ist und er damals auch nur einen Tag hier war, bewegt er sich ganz vertraut durch das Badezimmer, das gleichzeitig der Hauswirtschaftsraum ist, schaltet Strom, Wasser und Heizung ein.

Im Wohnzimmer ist es kalt, die Scheiben im großen, dreiflügeligen Fenster sind beschlagen, es dauert eine Weile, bis es ihm gelingt, im Kaminofen ein Feuer zu entfachen. Dann geht er ins Gästezimmer im ersten Stock. Zuletzt schliefen die Kinder in dem Raum mit der hohen Decke, jetzt kann keiner von ihm verlangen, unten im Doppelbett der Mutter zu schlafen. Er dreht die Heizung auf und hängt die Decke von einem der Kojenbetten unter der Dachschräge zum Lüften über den Sessel. In diesem Zimmer gibt es keine Gardinen, vom Bett aus sieht man direkt in den Himmel. An der hinteren Wand steht das Klavier aus seiner Kindheit. Er klappt es auf und schlägt einen A-Dur-Akkord an. Überraschend gut gestimmt. Hier wird er die Nacht verbringen.

Unten im Wohnzimmer wirkt die Luft bereits deutlich trockener, es duftet angenehm nach Rauch. Er zieht die blauen Leinengardinen zu, schaltet die Leselampe in der Ecke hinter dem Schaukelstuhl ein, zündet die Teelichter in der Schale auf dem Couchtisch an und geht in die Küche.

An die Innenseite der Türen der Küchenschränke hat seine Mutter Polaroidfotos von der Geschirrordnung gehängt, damit jeder Gast weiß, was wo wie gestapelt wird. Und doch stehen die gestreiften Tassen und Teller völlig durcheinander, vielleicht ist Kjartan zuletzt hier gewesen. Er sieht den zerzausten Chaoten direkt vor sich. Er kann sich seinen Vetter beim besten Willen nicht als einen Maschinenmeister mittleren Alters vorstellen, bei dem alles seine Ordnung hat.

Er setzt sich in die Essecke, isst eine Scheibe Brot mit luftgetrocknetem Lammfleisch und trinkt ein Glas Wasser. Er hatte fast vergessen, wie gut das Wasser auf den Färöern schmeckt.

Wie still es auf den Färöern ist.

Außer dem Brummen des Kühlschranks und seinem Tinnitus ist nichts zu hören. Kein einziges Geräusch. Der Augenblick füllt alles aus. Wie jener Moment der Stille nach einem großen Konzert.

Ein Klingeln beendet unsanft seine Meditation. Hämmernden Herzens stürzt er ins Wohnzimmer, findet den Schurken hinter der Gardine auf der Fensterbank und reißt den Hörer von dem weißen Telefon.

„Warum gehst du nicht an dein Handy, und warum bist du nicht mehr bei Árni?“ Er lässt sich in den Sessel sinken und fängt an, seinen Ausflug nach Bøur zu erklären.

„Da ist ein Brief für dich gekommen“, unterbricht Karin ihn. „Aus Italien.“

„Aha.“

„Von einem oder einer C. L. Camerini. Sagt dir das was?“

„Nö.“

„Soll ich ihn aufmachen?“

„Brauchst du nicht. Das kann warten, bis ich wieder zu Hause bin.“

Er erkundigt sich nach den Kindern, trägt ihr Grüße an sie auf, beendet das Gespräch und geht in die Küche, um Tee zu machen. Seine Hände zittern ein wenig, als er Wasser in den Kessel füllt, aber als er sich Tee einschenkt, ist das schon wieder vorbei. Er nimmt den Becher mit ins Wohnzimmer und setzt sich in den Schaukelstuhl. Sieht dem Flammentanz im Kaminofen zu.

Elvis Costellos „She“. Die Musik im Taxi besteht ausschließlich aus Kuschelnummern aus den Siebzigern und versetzt Lisa zurück an ihre Zeit am Gymnasium von Tórshavn. Sie sieht hinaus in die Dunkelheit, als könne sie dort die Antwort auf die Frage finden, die ihr keine Ruhe lässt: Was sie ihm wohl bedeutet hat?

In wenigen Stunden wird sie fünfzig. Innen drin ist sie achtzehn und auf dem Weg zu einer Party. Einer Party, auf die sie glaubte, sich zu freuen. Doch ihr Körper sendet andere Signale aus, je näher sie Vágar kommen. Ihrem Körper ist nicht wohl dabei. Ihr Herz pocht schwer. Es kribbelt und  sticht überall. Sie erinnert sich an ihr Kopfschütteln, als Erik behauptete, der spätmoderne Mensch handele trotz seiner hoch entwickelten Frontallappen nicht im Geringsten rationell, sondern werde immer noch von seinem Reptiliengehirn gelenkt. Vielleicht hat er doch irgendwo recht.

Sie schließt die Augen zu „Honey Pie“ und sieht Kåre beim Frühjahrsfest in Hoydal über die Tanzfläche auf sie zukommen. Sein Gesicht in der Menschenmenge. Das halblange, gewellte Haar. Das Lächeln und den weichen, dunklen Blick, dem sie kaum begegnen konnte. Sie seufzt. Sie erinnert sich an die Missverständnisse jenes Abends, als sei es gestern gewesen. Die Versöhnung in derselben Nacht in seinem Bett.

Das Auto fährt in den Unterwassertunnel, der Radiosender verschwindet, es kratzt und rauscht in den Lautsprechern. Lise überlegt, den Fahrer zu bitten, das Radio auszuschalten, aber dann ist wieder Empfang, und ihr läuft ein wohliger Schauer über den Rücken, als das wohl bekannte Riff aus der Anlage tönt.

Sie beugt sich nach vorn zum Fahrer und bittet ihn, die Musik etwas lauter zu drehen. Sogleich erfüllt der silberne Klang der Gibson-Doppelhals-Gitarre den Wagen. Sie lehnt sich zurück und lauscht dem Stück, das ihr Gänsehaut bereitet. Das Schlagzeug setzt ein, dann der Gesang, und Lisa sieht aus dem Fenster:

„On a dark desert highway, cool wind in my hair … “

Sie hat nicht länger Angst davor, einzugestehen, was er ihr bedeutet hat. Auf ihre etwas unbeholfene Art und Weise hat sie ihm das wohl auch vermittelt, als sie sich im Februar 2000 am Flughafen von Vágar voneinander verabschiedeten. Danach war ihr ganz leicht ums Herz gewesen, glücklich war sie an Bord gegangen und der Zukunft entgegen geflogen. Aber sie hatte ihm damals nicht alles erzählt. Und das musste sie jetzt nachholen.

Der Papageientaucher versucht, zu fliegen. Er schlägt mit den Flügeln, bis es ihm gelingt, bis er abhebt, und schon ist er nur noch ein Punkt in der Sonne. Die Erde dreht sich, und Kåre befindet sich auf der Kante eines Vorgebirges. Tief unter ihm spielt das silberne Licht mit der Wasseroberfläche, Schreie von Seevögeln erfüllen die Luft. Die Basstölpel umschwärmen ihre Klippe, eine Trottellumme schubst ihre Jungen aus dem Nest und fängt sie dann am Flügel wieder auf. Dann fällt ein Schatten auf die Landschaft, alle Geräusche verstummen. Erschrocken blickt er zum Himmel und sieht einen gewaltigen Vogel sich nähern. Zum Glück ist es nicht der Albatros, sondern nur ein alter Seeadler. Der Adler sieht ihn sanft an, und auf einmal kann er fliegen. Wie schwerelos schwebt er über die grasgrünen Bergrücken und schmalen, blauen Fjorde.

Kåre erwacht aus seinem Nickerchen auf dem Schaukelstuhl und ist ganz durcheinander und verschlafen. Er kann den Vogeltraum nicht ganz abschütteln und wird nicht richtig wach. Das Feuer ist fast erloschen. Er steht auf, um die Glut neu zu entfachen. Er schiebt die Gardine ein wenig zur Seite und sieht den Papageientaucher draußen im Dunkeln. Deutlich. Auf lautlosen Schwingen gleitet er dicht am Fenster vorbei. Kåre blinzelt. Starker Kaffee. Das ist es, was er jetzt braucht.

Die Kaffeemaschine sprotzt und röchelt. Kåre setzt sich auf den Stuhl zwischen Küche und Wohnzimmer, bis das Wasser durchgelaufen ist. Das blaue Sofa und der Sessel beim Couchtisch sind noch aus seiner Gymnasiumzeit. Damals, als sie aus der Innenstadt in das neue Einfamilienhaus am Hvítanesvegur zogen, waren die Möbel so angesagt, dass man sie in Tórshavn gar nicht bekommen konnte – man musste sie in Dänemark bestellen. Jetzt sind sie in Gesellschaft der Anrichte, der Rya-Teppiche, der von seiner Mutter selbstgebastelten Lampenschirme und Tante Annas Aquarellen und haben ihre Glanzzeiten längst hinter sich. Aber man sitzt wunderbar entspannt in ihnen.

Im Kaminofen knistert es orange. Die Flammen haben die Zeitungen verschlungen und sich auf die Holzscheite gesenkt. Das Wohnzimmer mit der so zufällig zusammengewürfelten Einrichtung war urgemütlich. Kåre greift nach dem Gästebuch, blättert einmal schnell durch. Nur ein halbes Dutzend Seiten wurden beschrieben, seit Karin im Februar 2000 ihren Dank dafür, dass sie in dem Haus wohnen durfte, darin verewigte. Eine Schande, dass das Haus so wenig genutzt wird.

Eigentlich sollte man hier mal zwei ganze Wochen verbringen. Oder Monate. Sein Puls beschleunigt sich, kaum dass er diesen ketzerischen Gedanken denkt, aber er braucht einfach dringend mal eine Pause, in der er sich niemandem gegenüber rechtfertigen muss. Für nichts.

Das Zischen der Kaffeemaschine ist verstummt, er schenkt sich einen Becher ein und macht es sich auf dem blauen Sessel bequem, die Füße auf dem Couchtisch. Nicht, dass er für sein Leben in Norwegen nicht dankbar wäre. Wenn er auf sein Leben zurückblickte, hatte er im Grunde alles erreicht.

Vielleicht abgesehen davon, er selbst zu werden.

Er verspürt eine Sehnsucht danach, über die Fjälle zu wandern, jene Berge aus Tuff und Basalt. Ein Boot zu leihen, damit nach Tindhólmur und Drangarnar zu segeln. Den Farben und Geräuschen seiner Jugend nachzujagen. Die Wege seiner Kindheit wiederzufinden. Seine färöischen Wurzeln. Die er so viele Jahre verdrängt hatte. Jetzt hat es keinen Sinn mehr, sie aus dem Bewusstsein auszuschließen.

Die Rücklichter des Autos verschwinden in der Dunkelheit, und Lisa würde ihm am liebsten hinterherlaufen, um doch wieder mit zurück in die Stadt zu fahren. Dann sieht sie ein, dass es kein Zurück gibt. Dass irgendetwas in ihr selbst sie hierher geführt hat.

Ein Teil von ihr hat sich gewünscht, sich dem Unbekannten auszusetzen, wollte sehen, was passiert, wenn sie sich einfach mitreißen lässt. Hin und wieder dachte sie, erst wenn alle Pläne dahin sind, ist es möglich, Abenteuer zu erleben. Und jetzt steht sie also an diesem dunklen Januarabend hier in einem kleinen, abgelegenen Ort.

Nach der langen Fahrt ist sie noch nicht ganz trittsicher. Sie klammert sich an ihren roten Koffer und versucht, sich zu sammeln. Sich auf den Anstieg zu dem Haus vorzubereiten, das laut dem Zeigefinger ihres Fahrers das von Kåres Mutter ist.

Es ist schon fast halb elf. Vielleicht ist er schon auf dem Weg ins Bett und alles andere als begeistert, sie zu sehen. Erst jetzt kommt ihr in den Sinn, dass er ihren Besuch als störend empfinden könnte. Dass er vielleicht seine Gründe hatte, heute hier herausgefahren zu sein.

Damals, in der Unwetternacht, als sie in dem Haus am Hvítanesvegur Unterschlupf suchte, hatte er seine Freude kaum verbergen können, sie durchnässt und frierend vor der Tür zu sehen. Heute Abend waren die Umstände gelinde gesagt anders.

Sie atmet tief ein. Wenigstens ist das Wetter besser als im März 1974. Sie hat Wein und Schokolade dabei. Und wenn die Uhr zwölf schlägt, hat sie Geburtstag.

Sie richtet sich auf und setzt sich in Bewegung, vorbei an den ersten Häuser, Richtung Fjäll und Wasserfall. Anfangs kann sie noch gut sehen, wo sie hintritt, aber ab der Hälfte der Strecke ist es vorbei mit Straßenbeleuchtung und Asphalt. Von dort an kann sie sich nur noch am gelben Viereck des Panoramafensters orientieren und hoffen, dass er das Licht nicht ausmacht, bevor sie angekommen ist.

Der Kaffee ist stark und gut, jetzt fehlt nur noch Musik. Kåre sieht die LPs durch: Abba, Afzelius, Armstrong, Beatles, Cliff, Cohen, Creedence, Elvis, FaroeBoys, Harkaliðið, Led Zeppelin, Moody Blues, Pink Floyd, Queen, Sebastian, Sinatra, TV-2 und eine Handvoll Klassik: Bachs Cellosuiten, Beethovens Fünfte, Brahms‘ Violinkonzert, Dvoráks Slawische Tänze, Händels Messias und Mahlers Sechste Symphonie.

Er schwankt kurz zwischen Händel und Mahler, dann entscheidet er sich für Mahlers Synthese aus riesigem Orchester und Kammermusik, aus Drama und Wildheit, aus Todessehnsucht und Pastoralen, aus Zartheit und Transparenz. Er schaltet die alte B&O-Anlage ein, setzt die Nadel auf das große Werk und dreht auf volle Lautstärke.

Das Rauschen des Wasserfalls schwillt immer mehr an und wird zu unerträglichem Lärm, findet Lisa, während sie sich mit ihrem Koffer den Weg hinaufkämpft.

Das Licht in dem Haus oben auf dem Hügel ist etwas dunkler geworden, diffuser, orange, und als sie den Kiesweg erreicht, stellt sie, vor Anstrengung den Tränen nahe, den Koffer ab, um Kräfte für die letzte Etappe zu sammeln. Sie hat wie immer viel zu viel eingepackt. Und natürlich die falschen Schuhe an.

Ihre hochhackigen Stiefel wird sie hier nicht brauchen. Die neuen Wildlederstiefeletten sind bestimmt ruiniert, bis sie endlich da ist. Verzagt dreht sie sich um zum Meer, lässt den Blick über den Ort an der schwarzen Bucht schweifen und versucht, wieder langsam und regelmäßig zu atmen.

Da bemerkt sie, wie mild die Luft ist. Wie lauschig die kleinen Häuser dort liegen und mit ihren gelben Fensteraugen blinzeln. Sie sieht die Rauchsäule, die vom Schornstein des großen Hauses schräg links neben der Kirche aufsteigt, und stellt sich vor, wie es wohl für die ersten Siedler gewesen sein mag, als sie vor über tausend Jahren in dieser öden Bucht an Land gingen.

Mit einem Mal behagt ihr der Gedanke an die hohen Fjälle, die sich hinter ihr in der Dunkelheit erheben, und das Tosen des Wasserfalls hat sich in ihren Ohren in Musik verwandelt.

Harfe, Celesta und Kuhglocken. Instinktiv hat Kåre sich erhoben und steht jetzt mitten im Wohnzimmer und dirigiert das Finale.

Einfühlsam führt er das riesige Symphonieorchester durch Mahlers musikalische Landschaften. Wendet sich abwechselnd den verschiedenen Instrumentengruppen zu. Führt sie zusammen in der Steigerung und schwitzt von der Bewegung und der Konzentration, als das Krachen des Hammers die Harmonie zerstört.

Wieder spornt er die Oboen, Klarinetten und Trompeten zu einem Wettlauf mit den Geigen und Bratschen an. Da kracht der nächste Hammerschlag.

Den Blick fest auf das große, dreiflügelige Fenster gerichtet, hat Lisa sich den Kiesweg hinaufgekämpft und sieht nun deutlich die sich hinter den Gardinen bewegende Silhouette. Je näher sie dem Haus kommt, desto größer wird der Schatten und scheint zu flattern. Als hätte er da drinnen Phönix losgelassen.

Zögernd stapft sie am Haus entlang durch das hohe, nasse Gras. Vorbei an den Fenstern, bis sie die Haustür erreicht. Klopft sachte an. Nichts passiert. Klopft wieder an, dieses Mal lauter.

Wie ein Axthieb bringt der dritte und letzte Hammerschlag den Helden zu Fall. Das Zwitschern der Geigen verstummt, Posaunen und Fagotte werden leiser. Die Pauken vollenden den Untergang.

Völlig durchgeschwitzt und mit hämmerndem Herzen lässt Kåre sich aufs Sofa fallen, glücklich darüber, dass er endlich mal sein analytisches Gehör ausschalten und sich von der Symphonie mitreißen lassen konnte.

Von der Musik braucht er keine Pause. Er braucht nur Zeit und Ruhe, um die Freude an ihr wiederzufinden. Weit weg von den Leistungsansprüchen der Orchesterleitung und „New Public Management“. Fern von den familiären Alltagsreibereien.

In einer so lauten und überbevölkerten Welt ist Abgeschiedenheit ein Geschenk. Er lauscht der Stille, seinem nun wieder ruhigem Herzschlag, der ihn wie ein treuer Schatten begleitet in das Labyrinth des Alleinseins. Da kommt ihm ein Gedanke, so doppelbödig wie die Musik Mahlers: Würde ihn eigentlich jemand vermissen, wenn er nicht zurückkehrte?

Lisa klopft abermals an. Warum macht er nicht auf …

Sie drückt die Klinge herunter und stellt fest, dass die Tür in einen Windfang führt, in dem sich die eigentliche Haustür befindet. Die obere Hälfte besteht aus einer mattierten Scheibe, sie ist von der anderen Seite gelblich erleuchtet.

Lautlos schließt sie die Außentür hinter sich, stellt den Koffer auf dem Boden im Windfang ab und klopft vorsichtig gegen die Scheibe.

Kåre macht die Anlage aus und ärgert sich, nicht die Sauna eingeschaltet zu haben. Jetzt muss er sich mit einer Dusche begnügen und mit einem Gutenachtbier aus dem Schuppen. Er geht in den Flur und fährt zusammen, als es gegen die Scheibe der Haustür klopft. Wer in aller Welt kommt ihn denn hier besuchen? Und noch dazu so spät?

Im Flur ist es klamm, unter dem durchgeschwitzten Hemd bekommt er eine Gänsehaut. Wenn es der Bauer oder jemand anderes aus dem Ort wäre, wäre er einfach hereingekommen und hätte gerufen.

Er macht auf und stutzt beim Anblick einer fremden, etwas zerzausten Frau. Dann erst begreift er, wer da im Halbdunkel des Windfangs steht, und starke Gefühle vermischen sich mit Verblüffung:

„Lisa“, sagt er gerührt. „Was machst du denn hier?“

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