„Ungeschliffener Diamant“ von Alice Pung

Dieses Buch ist schon ein bisschen älter … Das Original Unpolished Gem erschien bereits 2006 in Australien. Ein deutscher Verlag kaufte die Rechte, ich übersetzte es 2009, der Verlag verschob es von einem Programm ins nächste und beschloss letztlich, es doch nicht zu veröffentlichen … Ich rief die Rechte zurück, denn inzwischen gab es die edition fünf, einen kleinen, feinen Verlag, der zu der Zeit jeden Herbst fünf „schöne Bücher von klugen Frauen“ herausbrachte. Ende 2011 schlug ich den Herausgeberinnen Unpolished Gem vor – und bereits im Herbst 2012 reihte sich Ungeschliffener Diamant unter der Überschrift „Spiegel“ neben Beryl Fletchers Pixels Ahnen (übersetzt von Almuth Carstens) und Marilynne Robinsons Haus ohne Halt (übersetzt von Sabine Reinhardt-Jost) in das ausgesuchte Programm der edition fünf ein.

Wenn ich jetzt über Ungeschliffener Diamant schreibe, dann deshalb, weil es gerade Lektüre in meinem Lesekreis in der Deutschen Bücherei in Tondern war.

In der vorausgegangenen Leserunde hatten wir Wovon wir träumten von Julie Otsuka gelesen (übersetzt von Katja Scholtz, erschienen ebenfalls 2012 bei mare), dieses wunderbare Buch, das es schafft, auf nur 160 Seiten das Schicksal zahlloser Japanerinnen zu vermitteln, die Anfang des 20. Jahrhunderts voller Hoffnung in die USA emigrierten – und kein ganzes Leben später ihre Existenz dort wieder aufgeben mussten.

Die Themen, die anklangen, erinnerten mich an Ungeschliffener Diamant, die Geschichte einer aus dem Kambodscha unter Pol Pot geflüchteten und in Australien gelandeten Familie, erzählt von der in die australische Wohlfahrtsgesellschaft hineingeborenen Tochter – und so schlug ich vor, dieses Buch quasi als Fortsetzung von Wovon wir träumten zu lesen …

Das  Buch war in keiner schleswig-holsteinischen Bücherei vorhanden, aber die edition fünf war so freundlich, uns einen Sonderrabatt zu gewähren, und so kam es zu der erstmaligen Ausnahme, dass die Teilnehmerinnen am Lesekreis die Lektüre kauften.

Die wunderbare Leiterin unserer kleinen Bücherei, Marie Medow, fasst nach einem Leseabend immer kurz zusammen, worüber so gesprochen wurde, und weil ich die Zusammenfassung so gelungen finde, sei sie hier wiedergegeben:

Uns hat doch überwiegend beeindruckt, wie schnell es Alice Pung gelingt, uns LeserInnen in den Kosmos chinesischer/kambodschanischer/vietnamesischer Einwanderer in Australien mitzunehmen, auch wenn uns dieser dann so gleich einiges an Ausdauer beim Lesen abverlangte. Für mich fühlte es sich streckenweise an, wie selbst noch einmal Kind sein. Es ist zum einem eine Geschichte über das Heranwachsen eines Kindes, das wie alle Kinder lernen muss, sich in der Erwachsenenwelt mit all ihren Regeln zurecht zu finden und sie zu verstehen. Dies wird hier noch einmal unendlich viel schwieriger, da sich die Erfahrungswelt der nächsten Erwachsenen in der Familie und der sozialen Community mit ihrem Verständnis und ihren Riten von der australischen Mehrheitsgesellschaft drastisch unterscheidet – und das, obwohl eigentlich alle pausenlos bemüht sind, sich anzupassen, nicht aufzufallen, dankbar zu sein und der aufnehmenden Gesellschaft nicht zur Last zu fallen. Es ist ein Ringen ums Ankommen und Man-selbst-bleiben, darum, die kulturelle Identität zu wahren, weil man vieles auch gar nicht los wird, und doch dazugehören zu wollen … Und dann hat man das beste Abschlusszeugnis und sitzt trotzdem am Exotentisch, will dem eigenen ‚exotischen Aussehen‘ keine Bedeutung beimessen müssen, und fragt sich, mit wem man eigentlich dieselbe Sprache spricht … Alice Pung hat uns ihre eigene Geschichte näher gebracht. Und doch ist diese individuelle Geschichte übertragbar auf viele andere, die überall auf der Welt ähnliches erleben – und auch wir konnten viel Geschildertes nachempfinden.

Dabei sind wir „nur“ von Deutschland ins Nachbarland Dänemark ausgewandert – und nicht, weil wir von Terror, Krieg und Folter bedroht gewesen wären, sondern weil wir dort entweder Arbeit oder die Liebe fanden.

Bücher wie dieses sind wichtig, um uns bewusst zu machen, was es eigentlich bedeutet, in einem anderen Land, in einem anderen Kulturkreis ein neues Leben anzufangen. Wie schwer es sein kann, eine neue Sprache zu lernen (weil man z. B. schon fünf andere Sprachen fließend spricht – die aber ein anderes Schriftsystem verwenden) und eigene Werte aufzugeben. Man hat ja gerade alles aufgegeben – und braucht doch das eine oder andere Vertraute, an dem man sich festhalten kann …

Für mich war es eine schöne Wiederbegegnung mit diesem schon älteren, aber immer noch aktuellen Text – und ein Erlebnis, mit seinen Leserinnen über ihn zu sprechen.

 

Alice Pung
Ungeschliffener Diamant
Roman
edition fünf
Titel der Originalausgabe: Unpolished Gem
Aus dem Englischen von Marieke Heimburger
Mit einem Nachwort von Olga Grjasnowa
344 Seiten
Leinenband mit Prägung, Banderole und Lesebändchen
ISBN 978-3-942374-21-7
€ 19,90 (D) / € 20,40 (A)

 

 

Kleine Kinder, kleine Sorgen – große Kinder …?

Zwanzig Jahre ist mein ältester Sohn jetzt alt. Mit dreizehn habe ich ihn losgelassen – er zog in ein Wohnheim für Kinder und Jugendliche mit körperlichen und geistigen Behinderungen. Da war er gut aufgehoben, da konnte er Teenager sein. Als er achtzehn wurde, musste er umziehen in eine betreute Wohnanlage für Erwachsene mit mehrfachen Behinderungen. Statt 40 km lagen nur noch 20 km zwischen uns. Ganz wohl war mir damals nicht, denn die Anlage liegt auf der grünen Wiese, und mein Junge ist sehr unternehmungslustig – Schwimmbad, Bowling, Geschäfte sind von dort nur motorisiert zu erreichen. Und das sollte nun seine letzte Station gewesen sein? Trotzdem – oder gerade deshalb – setzten sein Vater und ich alles daran, dass es dort für ihn gut laufen sollte. Suchten immer wieder das konstruktive Gespräch, wenn es irgendwo hakte. Trafen immer wieder auf jede Menge guten Willen.

Doch keine zwei Jahre später war die Ernüchterung komplett: Es lag auf der Hand, dass unser Sohn in der Einrichtung fehlplatziert war. The Story of His Life – dasselbe war auch schon im heilpädagogischen Kindergarten und in der Förderschule passiert. Allerdings hatten sowohl Kindergarten als auch Schule das selbst erkannt und (intern) korrigiert. Von Seiten der Wohnanlage passierte: nichts.

Nichts, was eine bessere Platzierung des jungen Mannes initiiert hätte. Und auch sonst sehr wenig. Nach zwei Jahren musste ich schmerzlich konstatieren, dass man unseren Sohn in diesen zwei Jahren nicht nur nicht gefördert und irgendwie weitergebracht hatte (Potenzial ist durchaus vorhanden!) und dass man nicht einmal seinen Status Quo gepflegt und aufrechterhalten hatte. Nein, viel schlimmer: Man hatte über 18 Jahre der kognitiven, kommunikativen, sozialen und körperlichen Förderung im Prinzip ignoriert und alles, was nicht von selbst lief, im Sande verlaufen lassen.

Krassestes Beispiel für mich in der Tat die Kommunikation. Ich habe – nicht alleine, immer im Dialog mit Fachleuten aus Kindergarten, Schule, Wohnheim, Sprachförderung – unendlich viel Zeit auf alternative Kommunikation verwendet. Habe Zeigebücher angefertigt, erst mit Fotos, dann mit Piktogrammen, und von Jahr zu Jahr ausgebaut, eine „Bedienungsanleitung“ für den Filius erdacht und laufend aktualisiert usw. usf. (Ich halte gerne Vorträge über diese Arbeit!) Das alles, um Übergänge in fremde Umgebungen für alle Beteiligten zu erleichtern. Im Wohnheim ging man dann mit der Zeit – und einen großen Schritt weiter: Auf dem von der Familie zu Weihnachten geschenkten iPad (eine Offenbarung!) wurde eine Kommunikations-App installiert und individuell für den Jungen eingerichtet.

So gerüstet, zog der Junge also mit der Volljährigkeit um in die betreute Wohnanlage.

Aber da passierte diesbezüglich: nichts. Das Personal lernte schnell, die Lautäußerungen, Gestik und Mimik des jungen Mannes (meist richtig) zu deuten – so ein elektronisches Gerät oder eine Mappe mit hunderten Symbolen zum Zeigen wurde als überflüssig bis lästig empfunden.

Ein Jahr nach seinem Umzug – ich befand mich auf einer Südamerikareise – stürzte sein iPad ab. Ich erfuhr das, weil ich mich wunderte, dass er mich mehrere Tage nicht auf Skype angerufen hatte, und ihm ein Foto per Mail schickte, begleitet von einer SMS ans Personal, man möge doch bitte mal mit ihm in seine Mails schauen. Antwort: iPad ist kaputt. Punkt. Pech.

Ich organisierte Hilfe – von Südamerika aus. Das Gerät – er macht damit Fotos, es dient als Fotoalbum und Gedächtnis, er spielt Spiele darauf, er ruft per Skype ihm liebe Menschen an – musste komplett neu gestartet werden, alles war gelöscht – auch die Kommunikations-App. Es gab keine Sicherheitskopie.

Ein, zwei Monate später erkundigte ich mich bei seiner Kontaktperson, was man sich in Sachen Kommunikations-App überlegt habe? Antwort: Wir finden das nicht wichtig. Wir verstehen ihn ja alle. Darum investieren wir da keine Ressourcen.

Ehrlich gesagt: Damit war ich erstmal zufrieden. War ganz happy, dass das Personal ihn so gut lesen kann.

Aber nach und nach ging mir die Ungeheuerlichkeit dieser Aussage auf. Und heute sage ich: Das ist ein Skandal.

In einer Einrichtung, die sich um Menschen mit massiven Einschränkungen kümmern soll, wird einem Menschen seine Sprache weggenommen. Und damit ein großer Teil seiner Welt. Seiner Identität.

Der junge Mann kommuniziert sehr viel, wenn er sprechen könnte, würde man sich vermutlich einen AUS-Knopf wünschen. So aber muss sich sein Gegenüber immer auf rudimentäre Kommunikation einlassen und verbalisieren, was er verstanden zu haben glaubt. Der junge Mann bestätigt dann oder schüttelt den Kopf und versucht es noch mal. Die Hinweise, die mein Sohn gibt, sind sehr konkret und kontextgebunden. Kennt man den Kontext nicht, kann man ihn in der Regel nicht verstehen. Und darum kann das Personal in der Einrichtung ihn natürlich NICHT verstehen, wenn er etwas erzählt, was er außerhalb der Einrichtung erlebt hat. Und wenn das Personal seine Hinweise, egal auf welchen Kontext bezogen, nicht versteht (jeder hat mal Aussetzer bzw. seinen ganz eigenen Horizont), dann bedeutet das für meinen Sohn eine weitere Einschränkung seiner Kommunikationsmöglichkeiten. Das heißt, zugespitzt formuliert, er kann irgendwann nur noch vermitteln, ob er Hunger oder Durst hat oder aufs Klo möchte. Weil er auch bei jedem Personalwechsel wieder bei Null anfangen muss.

Diese Perspektive war und ist für mich unerträglich. Darum bin ich unendlich dankbar dafür, dass wir nach einer Reihe von Krisengesprächen mit den zuständigen Behörden nun einen neuen Heimplatz für unseren Sohn gefunden haben. Zum 1. Dezember wird er dort einziehen – und dann nur noch 2 km von mir entfernt wohnen. Er passt dort unfassbar viel besser in die Bewohnerstruktur – und das Personal saugt jetzt schon wie ein trockener Schwamm alles auf, was ich an Informationen über den neuen Schützling liefere. Das richtige Kommunikationshilfsmittel für ihn zu finden, wird eine der ersten Aufgaben sein, derer man sich dort annehmen möchte. Für den Übergang wünschen sich die Mitarbeiterinnen eine aktualisierte Version der „Bedienungsanleitung“, die nun über sieben Jahre auf meiner Festplatte geschlummert hat. Gestern bin ich sie zusammen mit meinem Sohn durchgegangen, damit er auch das Gefühl hat, dass das seins ist. Die Notizen übertrage ich heute in die Datei.

Als Landraub mir den Schlaf raubte …

Nach Jesper Steins schönem Nørrebro-Essay für MERIAN Kopenhagen durfte ich dieses Jahr noch einmal einen relativ kurzen Sachtext übersetzen, dieses Mal aus der Feder des Harvard-Geschichts-Professors Sven Beckert und für DIE ZEIT.

Und wenn auch Jesper Steins Nørrebro ein recht raues Pflaster ist und der Spaziergang auch in die dunklen und unschönen Ecken des Viertels führte – es blieb übersetzerisch bei einem Spaziergang. Sven Beckert (und Mindi Schneider) dagegen begleitete ich in die Finsternis und zu den Abgründen des globalen Kapitalismus. Ihr kluger Rückblick auf die weltweiten Auswirkungen des seit 500 Jahren ungezügelten europäischen bzw. westlichen Konsums hat mir schlaflose Nächte bereitet.

Ja, klar, weiß man alles. Irgendwie. Diffus. Darum kauft man ja auch schon bewusst ein. Bio. Fair Trade. Aus nachhaltigem Anbau. Aber das bisschen Bewusstsein kann niemals wieder gutmachen, was seit Jahrhunderten schief läuft, was auch heute noch Tag für Tag zu sozialer Ungerechtigkeit und Umweltzerstörung, was zur Ausbeutung von Menschen und dem Planeten beiträgt. Es ist zum Heulen.

Punkt.

 

DIE ZEIT Nr. 37 vom 6. September 2018

MERIAN Kopenhagen

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Aus heiterem Himmel erreichte mich am 10. August um die Mittagszeit eine E-Mail meiner Kollegin Andrea Fischer mit der Frage, ob ich Zeit und Lust hätte und mir vorstellen könnte, mit ihr zusammen für die Fischerverlage 511 Seiten Thriller aus dem Amerikanischen zu übersetzen – sofort und bis Anfang September. „Top-Autor, der Name ist noch geheim.“ The Chemist – Die Spezialistin weiterlesen