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Ein besonderes Buch: Birgit Vanderbekes „Wer dann noch lachen kann“

Ich arbeite ja doch sehr regelmäßig für den Piper-Verlag, und hin und wieder lasse ich mir auch mal ein Buch aus dem Piper-Programm schicken. Oder bitte auf der Messe darum, eins mitnehmen zu dürfen.  Dieses Jahr hatte ich ein Auge auf Mareike Krügels Sieh mich an geworfen, aber da das Treffen mit meiner Piper-Lektorin gar nicht am Messestand stattfand, sondern bei einer gemeinsamen Mittagspause, verließ ich die Messe nach zweieinhalb prall gefüllten Fachbesuchertagen ohne Piper-Buch in der Tasche.

Den anschließenden halben Tag verbrachte ich mit einer alten Freundin mit Klönen und Bummeln in der näheren Umgebung von Frankfurt – meiner alten Vortaunus-Heimat. Es verschlug uns – als hätten wir in den Hallen 3 bis 6 nicht schon genügend Bücher gesehen – auch in eine Buchhandlung mit großem H, wo natürlich alles ein bisschen übersichtlicher war als auf der Messe.

Schon bald stand ich vor einem Regal und interessierte mich insbesondere für zwei Bücher: Zsuzsa Bánks Schlafen werden wir später (Fischer) und Birgit Vanderbekes Wer dann noch lachen kann (Piper). Beide bei Verlagen erschienen, für die ich arbeite, und die mir potenziell auch immer mal ein Buch gratis schicken, wenn ich darum bitte. Sollte ich also jetzt Geld ausgeben … oder warten? Eine Woche Urlaub am Mittelmeer stand unmittelbar bevor, somit tatsächlich auch mal private Lesezeit. 688 Seiten (Bánk) gegen 160 Seiten (Vanderbeke). Mir unbekannte Autorin gegen mir bekannte Autorin, wobei mich von ihrem bisherigen Werk manche Titel  begeisterten, andere völlig kalt ließen. Letztlich überwog der Wunsch, im Urlaub wirklich ein ganzes Buch zu lesen, und ich entschied mich für Wer dann noch lachen kann.

Eine hervorragende Entscheidung, wie ich in der Folgewoche feststellte.

Das war eins von den seltenen, herausragenden Leseerlebnissen, während derer man gar nicht weiß, was man sich mehr wünschen soll: Das großartige Buch endlich fertig zu lesen oder dass das großartige Buch nie enden möge – denn was soll ich bloß danach lesen???

Die Antwort auf die letzte Frage war in diesem Fall für mich: Dasselbe Buch noch einmal. Und das ist mir wirklich erst selten passiert.

Die Geschichte und Vanderbekes Art und Weise, sie zu erzählen, sowie die sich hinter scheinbar schlichten Sätzen verbergende enorme Sprachkraft haben mich beeindruckt. Erschüttert. Fertiggemacht. Und glücklich.

Die Erzählerin berichtet auf wunderbar knappe, dichte und scheinbar naive Weise aus ihrer Kindheit, ist dabei aber enorm scharfsinnig und „spot on“. Es gelingt ihr, eine bedrohliche Atmosphäre zu schaffen, die ganze Zeit dräut da etwas, und doch wird nie ganz erzählt, was das Kind eigentlich alles erleben musste. Andeutungen reichen aber auch völlig aus.

Die Autorin verknüpft private Tragödien mit Menschheitskatastrophen. Es gelte, genau hinzuschauen, auch wenn es einem den Magen umdrehe, wiederholt sie an verschiedenen Stellen des Romans – wie sie überhaupt eine Reihe von sprachlichen, bildlichen und kulturellen Motiven gekonnt immer wieder einstreut und in einen wunderbaren Gesamtzusammenhang bringt.

Die Erzählerin erleidet viel später, sie ist selbst bereits Mutter und Großmutter, einen Unfall und trägt chronische Schmerzen davon. Jahrelange physiotherapeutische Behandlung zeitigt keinen wahren Erfolg. Auf Empfehlung einer Freundin begibt sie sich in die Hände eines Schmerztherapeuten, der durch bloßes Handauflegen und ein paar wenige Fragen lange Verschüttetes und Verdrängtes löst – und den sie irgendwie von früher kennt …

Nach dieser Szene brauchte ich eine Lesepause. Allein der Gedanke an eine traurige Geschichte aus meinem direkten Umfeld reichte da, um mich zum Weinen zu bringen. So sehr ging mir das Buch unter die Haut.

Als ich am nächsten Tag zu dem Satz gelangte „Irgendwann geht also meine Mutter mit ihrem Kind zum Frauenarzt“, hätte ich das Buch dann am liebsten gar nicht weitergelesen. Und gleichzeitig wollte ich nichts lieber. Ich wollte wissen, wie es weitergeht, und gleichzeitig wollte ich es nicht wissen. Ich wollte wegsehen. Und gleichzeitig genauer hinsehen. Mein Magen war dabei, sich mir umzudrehen.

Wie nennt sich dieses Phänomen? Wenn ein Text mit einem beim Lesen genau das macht, wovon er erzählt? Gibt es einen Begriff dafür?

Wie gesagt, ich las das Buch zu Ende und gleich noch mal von vorn.

Beim zweiten Lesen war das Leseerlebnis immer noch toll. Ich wusste, was mich erwartete, konnte mich in gewisser Weise mehr entspannen und auf anderen Ebenen noch viel anderes Gutes im Text entdecken. Der zweite Durchgang wühlte mich nicht mehr so auf, er bestätigte auf weniger emotionaler Ebene meinen sehr guten Eindruck von dem Text.

Zurück bleibt restlose Begeisterung über ein Buch, das sich so wunderbar abhebt von den meisten Büchern, mit denen ich es bei meiner Übersetzungsarbeit zu tun habe. Ein Buch, bei dem in meinen Augen auf sprachlicher, inhaltlicher und stilistischer Ebene einfach alles stimmt und zusammenpasst. Ein Buch, das mit relativ wenigen Worten auf nur 160 Seiten so viel erzählt und auszulösen vermag. Ein Buch von Relevanz.

Ich bin froh, dass es solche Bücher gibt. Und dankbar für dieses. Es bekommt einen Platz in meinem „Regal der besonderen Bücher“. Wo übrigens auch schon Das lässt sich ändern von derselben Autorin steht.

 

 

Birgit Vanderbeke, Wer dann noch lachen kann
Piper, August 2017
€ 18,00 [D], € 18,50 [A]
160 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-492-05839-1

Zwanzig Zeilen Liebe als Taschenbuch

Es ist auch nach fast zwanzig Jahren im Geschäft immer wieder ein tolles Gefühl, das fertige Produkt der eigenen Arbeit in Händen zu halten, wenn die Pakete oder Päckchen mit den Belegexemplaren eintrudeln. Pakete kommen bei Ersterscheinen, Päckchen bei Neuauflagen. Zwanzig Zeilen Liebe als Taschenbuch weiterlesen

The Chemist – Die Spezialistin

Stephenie Meyer, die Autorin der weltbekannten Twilight-Serie für Jugendliche, wechselt das Genre und legt ihren ersten Thriller für Erwachsene vor. Die Übersetzung dieses Titels gehört in mein persönliches Guinness-Buch der Rekorde: Zwischen erster Anfrage und Abgabe von 360 übersetzten Seiten lag kein ganzer Monat …

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Moskau um Mitternacht

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14.08.2015: Am zweiten Reisetag, aber dem ersten ganzen Tag auf den Färöern, verbrachten wir viel Zeit im Bus. Zwischendurch kamen wir uns vor wie das Klischee einer japanischen Reisegruppe „Europa in vier Tagen“: Aussteigen, Fotos machen, in 15 Minuten weiterfahren! Aber so sahen wir wirklich viel von den Inseln Streymoy, Esturoy, Borðoy und Viðoy – und Lisbeth Nebelong nutzte die Fahrzeiten im Bus, um uns viel Wissenswertes über die Färöer, die Menschen, ihre Kultur, ihre Geschichte, ihre Natur usw. zu erzählen – und sogar ein färöisches Lied mit uns anzustimmen. Ein prall gefüllter Tag, der kaum angemessen zusammenzufassen ist! Sechs Tage auf den Färöern – Tag 2 weiterlesen